Boos - Bedeutung des Namens
 
Wappen von Boos
Bedeutung des Namens "Boos"
Stefan Probst

 

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Walter Braun schreibt in "Der Landkreis Memmingen" auf Seite 24: [1].
"Boos"? Sicher ein Ort der ersten Siedlungsperiode, der schon im 12. Jahrhundert erwähnt wird. Aus dem Namen aber die Gründungszeit festzulegen, ist bisher noch keinem Gelehrten gelungen, da keiner den Namen erklären kann.

Dieser Versuch soll hier trotzdem unternommen werden:

Der Name eines Ortes hängt eng mit dessen Anfängen, dessen Gründung zusammen.
Aus dem Namen kann oft auf den Besiedlungszeitraum zurückgeschlossen werden, da zu bestimmten Zeiten gewissen Namensgebungen üblich waren.
 

"Boos" ist nicht Germanisch

Es ist kein "germanisches" (deutsches, v.a. schwäbisches, alemannisches) Wort bekannt, das den Namen "Boos" erklären würde.
Es gibt Funde (z.B. Kelten-Schwert von ca. 200 v.Chr.)[2], die belegen, daß die Gegend um Boos bereits besiedelt war, bevor ab ca. 525 n.Chr. germanische Stämme die Gegend besiedelten [3]. Der Name könnte also aus einer früheren Periode stammen.
 

"Boos" könnte Römisch sein

Bevor die Gegend von germanischen (d.h. alemannischen/suebischen) Stämmen besiedelt wurde [3], war sie von ca. 15 v.Chr. bis ca. 470 n.Chr. von den Römern besetzt[4] [5]. Das nahegelegene Kellmünz wurde von den Römern im Mitte des 5. Jahrhunderts aufgegeben [6].
 
"Bos" in lateinisch ist das Rind, der Ochse, die Kuh. "Boos" würde demnach in etwa "Kuhdorf" bedeuten.
Römische Gründungen dienten v.a. militärischen und Handelszwecken. Veteranen betätigten sich aber auch in der Landwirtschaft. Es wäre daher vorstellbar, daß Römer (z.B. vom nahegelegenen Kellmünz, das ab 297 n.Chr. ein römisches Kastell war) eine Siedlung, ein "Kuhdorf" - "Boos" - für Viehzucht und/oder Rinderhaltung gegründet haben (die damalige Topografie von Boos bietet sich dazu an[19]), oder eine bestehende keltische Siedlung von den Römern, oder eine frühe schwäbisch/alemannische Siedlung von zurückgebliebenen Römern oder inzwischen teilweise lateinisch sprechenden Kelten als "Kuhdorf" bezeichnet wurde.
Laut H. Happ[7] wird vermutet, daß die Römerstraße von Kempten kommend in unserer Gegend über Heimertingen und Boos nach Kellmünz führte. Dieser "Umweg" wäre erklärbar, wenn man annähme, daß entweder die Straße in Wirklichkeit nach Augsburg ging (etwa entlang der heutigen B300; Babenhausen lag an der Verbindung Bregenz - Augsburg[24]) und die Strecke nach Kellmünz nur ein Abzweig war, und/oder daß das Sumpfgebiet, das heute nur noch zwischen Pleß und Winterrieden besteht, früher sich weiter in der Ebene zwischen Boos und Pleß ausdehnte. Der Name "Niederrieden" deutet auf ein Ried hin, wo heute keines mehr ist.
 
Wenn dem so ist, dann hätte Boos mit Römern direkten Kontakt gehabt.
Andererseits sind Namen für römische Siedlungen üblicherweise mehrsilbig, und selbst eine Vereinfachung bleibt mehrsilbig. "Boos" klingt für eine römische Siedlung ziemlich untypisch.
Sollte "Boos" wirklich aus dem Lateinischen stammen, dann ist wohl anzunehmen, daß der Name, und damit die Siedlung, vor dem Einfall/Einwandern der Alemannen/Schwaben entstand. Römische Neugründungen oder Umbenennungen sind danach wohl eher unwahrscheinlich.
 

"Boos" ist wahrscheinlich Keltisch

Der Schwertfund[2] deutet daraufhin, daß die Booser Gegend bereits vor dem Eintreffen der Römer besiedelt war. Das Gebiet wurde aller Wahrscheinlichkeit nach vom einem Stamm der Vindeliker[8] besiedelt. Die Vindeliker waren Kelten (Untergruppe Gallier)[9] und besiedelten die Gegend seit ca. 700 v.Chr.[10] bis 600 v.Chr.[6]. Sie gaben der Iller (von einem keltischen Wort für "die schnell Fließende")[11] und wahrscheinlich der Roth (roudos keltisch für "rot" (kupfer/eisenhaltig?) [21] oder *srutu keltisch für "Fluß/Tal" [10][22]) ihren Namen.

Walter Braun schreibt:[25]

Diese Namen [Pleß und Boos] scheinen nicht germanischen Ursprungs zu sein, aber auch nicht römischer Herkunft, so daß wir wohl auf die keltischen Bewohner der vorrömischen Zeit als Namensgebenden zurückgreifen müssen.

Um Boos als keltische Siedlung zu belegen, wäre eine keltische Bedeutung des Namens "Boos" wichtig.
Die Sprachen der Kelten bilden, wie die der Germanen, eine der großen indo-europäischen Sprachfamilien. Die Online-Enzyklopädie Wikipedia gibt an[12]:

Das Keltische bildete .. innerhalb des Indogermanischen eine eigenständige Gruppe, die vermutlich durch eine geographische Trennung von den übrigen gesprochenen Sprachen entstanden war. Wann diese Trennung genau stattfand, ist wohl nicht mehr überzeugend zu rekonstruieren, möglicherweise während der Hallstattzeit ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. Die Merkmale, die das Keltische von den anderen Sprachen unterschieden, sind jedoch weitgehend unumstritten, da sie aus den belegten keltischen Sprachen gut rekonstruiert werden konnten. Alle keltischen Sprachen können auf frühere Sprachstufen zurückgeführt werden, die alle folgenden Merkmale aufwiesen:
...
Wandel des indogermanischen Lautes /gw/ zu /b/:
    altirisch („Kuh“) aus indogermanisch *gwous-
Das bedeutet, daß aus dem indo-europäischen *gwous- sowohl das lateinische "bos", als auch (durch Wandel von /gw/ zu /b/) ein früh-keltisches "bous" wurde. Letzteres wurde dann zum altirischen "bó".
H. Tischner gibt "bou-" als altkeltisch für "Rind" an[20], wobei der Strich am Ende dieser Schreibung bedeutet, daß die Endung unbekannt ist[23].
Das Wort mit dem Laut "Boos/Bous" existiert also im Keltischen und hat dort eine gleiche/ähnliche Bedeutung wie das lateinische "bos": Kuh/Rind.
 

Vergleich mit anderen Gemeinden mit Namen "Boos"

Es sind derzeit folgende anderen Gemeinden namens Boos bekannt, mit einer einzigen Ausnahme alle auch auf ehemaligem keltischem und römischem Gebiet:
 
56729 Boos/Eifel.
Von deren Website:
Die Gemeinde ... wurde erstmals urkundlich erwähnt im Jahre 1238, unzweifelhaft ist jedoch, dass es in Boos schon Ansiedlungen zur Römerzeit gab[13]. ... Die erste Besiedlung unserer Gegend geht sogar in die prähistorische Zeit zurück, was Hünengräber, Keltengräber und germanische Begräbnisstätten bei Boos beweisen[14].
Interessant, sind die früheren Schreibweisen des Ortsnamens:
Bus, Busse [Dativ???], Bouße; (in Französisch: Bois, Boise;) Bosse, Boos, Bouss, Bos. [15]
Man beachte den u- und ou-Laut, der sich mit einem keltischen Ursprung (Lautverschiebung, s.o.) gut erklären läßt.
 
55595 Boos/Nahe.
Von deren Website:
Aus den Funden ... könnte man schließen, daß in der Booser Umgebung schon seit der Spät-La-Tene-Zeit (ca. 500 v.Chr.) gesiedelt wurde.
Funde von römischer Besiedlung haben wir seit dem 1.Jhd. n.Chr. Im 2. und 3. Jhd hatten sich die Römer endgültig hier festgesetzt und bauten eine villa rustica an der Stelle der heutigen Kirche[16].
88371 Boos (bei Saulgau)
Außer daß die Pfarrkirche St. Valentin bereits 1231 erstmals erwähnt wird, sind keine Angaben zur Früh-Geschichte bekannt.
 
06888 Boos/Sachsen-Anhalt
Dies ist das einzig bekannte Boos, das nicht auf ehemalig Keltischem Gebiet liegt.
Von deren Website:
Dieser Ortsteil wurde erstmals 1388 erwähnt als „halbes Vorwerk zu Boz". Für kurze Zeit von 1540 bis 1543 war dieses Vorwerk im Besitz von Luthers Frau Katharina von Bora [17].
Zu bemerken ist, daß der Endlaut hier ursprünglich "z" war. Falls dies früher genauso ausgesprochen wurde wie heute, dann wäre dazu keine Parallele zu den anderen Boos aus den keltischen Gebieten bekannt, d.h. der Name wurde ursprünglich möglicherweise anders ausgesprochen und hat eine andere Wurzel.
 
Boos-Rouen/Seine
(noch nichts über die Frühgeschichte bekannt)
 
Boos/Landes
(noch nichts über die Frühgeschichte bekannt)
 
Boos/Castilla y Leon:
Auf deren Website[18] wird auf römischen Ursprung geschlossen, und auf die lateinische Bedeutung als Stier/Ochsen.
 
Aus all diesen Überlegungen läßt sich schließen:
 
  • Der Name "Boos" ist möglicherweise römischen, wahrscheinlich keltischen Ursprungs.  
  • In beiden Fällen bedeutet es Rind/Kuh/Bulle/Ochse.
  • Sollte der Name römischen Ursprungs sein, dann sollte er
    zwischen 15 v.Chr. (Beginn der römischen Besatzung) und 550 n.Chr.
    (ca. 470 Abzug der Römer, ab ca. 525 permanente alemannisch/schwäbische Besiedlung) entstanden sein.
     
    Sollte er keltischen Ursprungs sein, dann sollte er
    zwischen 700 v.Chr. (Beginn der keltischen Besiedlung) und 550 n.Chr.
    (ab ca. 525 permanente alemannisch/schwäbische Besiedlung) entstanden sein.
     
    Der Name (und damit die Siedlung) wäre demnach
    mind. ca. 1450 bis max. ca. 2700 Jahre alt.
    Boos wäre damit (möglicherweise mit Pleß) die
    älteste Gemeinde im Altlandreis Memmingen.

Genauere Nachforschungen der keltischen Sprache(n) müßten ergeben, ob es sich möglicherweise um einen Dativ/Locativ handelt ("bei den Kühen"), Singular oder Plural ("bei den Kühen/der Kuh"), oder einfach soetwas wie "Kuhdorf".
 

Quellen:

(alle Links öffnen in neuen Fenstern)
[1] Walter Braun: Die historische Entwicklung; Vor-, Früh- und Siedlungsgeschichte.
      In: Der Landkreis Memmingen, herausgegeben von Dr. Maximilian Dietrich, Maximilian Dietrich Verlag Memmingen 1971
[2] Hermann Happ: Chronik von Reichau, Band 1, Seite 33. MZ-Verlagsdruckerei Memmingen 1999
[3] Vertreibung der Vindeliker: de.wikipedia.org/wiki/Vindeliker
[4] www.lrz-muenchen.de/~arch/ab_ru_roe_01.html
[5] Walter Braun: Die historische Entwicklung; Vor-, Früh- und Siedlungsgeschichte. (siehe oben), Seite 20
[6] www.altenstadt-vg.de/kellmuenz/geschichte.htm
[7] Hermann Happ: Chronik von Reichau, Band 1, Seite 35. MZ-Verlagsdruckerei Memmingen 1999
[8] de.wikipedia.org/wiki/Vindeliker
[9] de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_keltischen_Stämme
[10] www.markt-pfaffenhofen.de - Nikolaus Maucher: Chronikvortrag beim Festakt 700 Jahre
[11] de.wikipedia.org/wiki/Iller
[12] de.wikipedia.org/wiki/Keltische_Sprachen
[13] www.boos-eifel.de/ -> über Boos
[14] www.boos-eifel.de/ -> über Boos/Geschichte
[15] www.boos-eifel.de/ -> über Boos/Ortsname
[16] mitglied.lycos.de/Boos_Nahe/index.html
[17] www.dabrun.de/Gemeinde/Start.php
[18] www.soydeboos.com/paginas/historia.htm
      (automatische Übersetzung ins Englische durch Altavista/Babelfish)
[19] Stefan Probst: Die Booser Urflur: zwischen Sumpf und waldigem Hügel (noch nicht veröffentlicht)
[20] www.heinrich-tischner.de/22-sp/2wo/wort/noachit/gau.htm#Rind
[21] www.heinrich-tischner.de/22-sp/2wo/wort/deutsch/r-z/rot.htm
[22] www.heinrich-tischner.de/22-sp/1sprach/kelt/akelt/s.htm
[23] www.heinrich-tischner.de/22-sp/1sprach/kelt/akelt.htm
[24] Thomas Reich: Herrschaftsbildung und Herrschaftskräfte auf dem Gebiet des Altlandkreises Illertissen
      nach Burkhart: Geschichte der Stadt Weißenhorn, 1988, 40.
[25] Walter Braun: Die 3 Kurfürsten von Niederrieden.
        In: Der Spiegelschwab - Heimatbeilage zur Memminger Zeitung, Jahrgang 1965, Nr. 4.